Ursachen – Folgen – Massnahmen
Ein Bericht von Revierleiter Gregor Nassen, Forstrevier Neustadt-Waldbreitbach
1. Wald ist wertvoll
Wir alle spüren es intuitiv: Der Wald tut uns gut! Unsere Wälder sind für Mensch und Natur von unschätzbarem Wert – als Sauerstoffspender, Klimaschützer, Luftfilter und Wasserspeicher, als Gesundheits- und Erholungsraum, für die Artenvielfalt, als Holzlieferant und Arbeitgeber.
Das leisten 100m x 100m Wald nachhaltig:

Für den Klimaschutz speichert zum Beispiel jeder Kubikmeter Holz rund eine Tonne Kohlendioxid. Wie ein großer Staubsauger nehmen die Bäume das CO2 aus der Luft auf. In ihren grünen Blättern spalten sie das Klimagas durch Photosynthese in Sauerstoff und Kohlenstoff auf. So versorgen sie uns mit frischer, sauerstoffreicher Luft und bauen aus dem Kohlenstoff Stamm, Wurzel und Zweige auf. Unter dem Blätterdach des Waldes herrschen im Sommer angenehme Temperaturen. Das kennt jeder aus eigenem Erleben. Die Luft wird durch Wasserverdunstung befeuchtet sowie durch die große Blatt- und Nadeloberfläche gefiltert und gereinigt.
In der Verbandsgemeinde Asbach kommt dem Wald eine besondere Bedeutung zu. Aufgrund der historischen Entwicklung und Siedlungsgeschichte des Asbacher Landes ist der Waldanteil hier eher gering.

Größter kommunaler Waldbesitzer in unserer Verbandsgemeinde ist Neustadt mit rund 315 Hektar Wald. Der Neustädter Gemeindewald ist besonders laubbaumreich. 67 Prozent aller Bäume sind Laubbäume. Häufigste Baumart ist die Eiche mit einem Anteil von 39 Prozent.
Direkt um Fernthal herum überwiegt allerdings Privatwald.

2. Wald im Klimastress – Folgen
Die Klimawandelfolgen machen dem Wald allerdings stark zu schaffen. In Rheinland-Pfalz sind seit 2018 rund 21 Millionen Kubikmeter Schadholz durch Hitzewellen, Dürre, Schädlingsbefall und Stürme angefallen. Viele Bäume mussten notgeerntet werden, um die weitere Vermehrung des Borkenkäfers einzudämmen und die noch gesunden Bäume zu schützen.
Traf es anfangs vor allem Fichten, leiden zunehmend auch weitere Baumarten wie die von Natur aus am häufigsten vorkommende Buche.

Der Gemeindewald Neustadt verzeichnet in diesem Zeitraum einen Verlust von rund 17.000 Bäumen (15.000 Kubikmeter aufgearbeitetes Schadholz) und eine Schadensfläche von etwa 32 Hektar (rund 45 Fußballfelder).
3. Wald im Klimastress – Ursachen
Aus Sicht des Waldes vollzieht sich der menschgemachte Klimawandel rasend schnell. Unsere Bäume sind über Jahrtausende an das heimische Klima mit gemäßigten Temperaturen und ausreichenden Niederschlägen gewöhnt. Als sehr langlebige und ortsfeste Lebewesen können Sie steigenden Temperaturen und häufigeren Extremwetterereignisse wie in den Dürrejahren 2018 bis 2020 nicht ausweichen. Sie müssen sich anpassen, doch das dauert normalerweise mehrere Baumgenerationen. So geraten Sie unter Stress und leiden.
Hier einige klimawandelbedingte Stressfaktoren im Einzelnen:
a) Erderhitzung
Folgende Grafik zeigt die Temperaturveränderung im Leben eines 144-jährigen Baumes.

Als er im Jahr 1881 beim Beginn der Wetteraufzeichnungen aus einem Samen keimte, war das Klima in Rheinland-Pfalz noch angenehm kühl (blaue Jahresringe). Im mittleren Alter mischten sich einzelne warme Jahre (rot) ein. Da immer wieder kühlere Jahre folgten, konnte der Baum das noch gut verkraften. In den letzten 35 Jahren beschleunigte sich die Erderhitzung: Es gab fast nur noch warme und sehr warme Jahre. 2024 war in Deutschland das bisher heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
In Rheinland-Pfalz ist die Jahresdurchschnittstemperatur seit 1881 bereits um 1,8 °C gestiegen.
b) Trockenheit und Dürre
Große Hitze und Trockenheit wie in den Sommern 2018, 2019 und 2020 führen dazu, dass Bäume ganz einfach vertrocknen, wenn der Wasservorrat im Boden aufgebraucht ist. Das passiert nicht nur bei jungen Bäumchen, die noch keine in die Tiefe reichenden Wurzeln haben, um an das Wasser im Boden zu gelangen, sondern auf flachgründigen Böden auch großen, erwachsenen Bäumen. Durch Wassermangel und Blattverlust bleiben sie mit Nährstoffen unterversorgt. Sie sind damit anfälliger für Baumkrankheiten und Schädlinge.

- Die Klimaforschung ist sich einig, dass bei uns Extremwetterereignisse wie Trockenheit und Dürre weiter zunehmen werden.
Eine der Ursachen ist die starke Erwärmung der Arktis. So verringern sich die Temperaturunterschiede zwischen dem Nordpol und dem Äquator. Hierdurch erlahmt der Jetstream, ein erdumspannendes Starkwindband das polare Luft im Norden von warmer Luft am Äquator trennt. Der Jetstream schlägt häufiger Wellen, mäandriert und setzt in diesen Wellen häufig Hoch- oder Tiefdruckgebiete für längere Zeit fest. Die Folge ist sog. „Standwetter“ das sich über Wochen, teils Monate kaum ändert. - Durch die Klimakrise verschiebt sich zudem die Zeit der Niederschläge. Modelle prognostizieren mildere und feuchtere Winter. Im Sommer wird es voraussichtlich weniger regnen – genau in der Zeit, in der die Bäume das Wasser brauchen.

Der geringere Sommerniederschlag wird dann auch noch vermehrt als Starkniederschlag fallen, der oft oberflächlich abfließt und damit den Bäumen nicht zur Verfügung steht. Die Flutkatstrophe Im Ahrtal im Juli 2021 hat das etwa mit brutaler Härte und bisher unvorstellbaren Schäden gezeigt. - Dazu kommt: Je wärmer es ist, desto mehr Wasser verdunstet, ehe es am Boden ankommt und den Bäumen zur Verfügung steht. Auch Wasser an der Bodenoberfläche verdunstet schneller – und: Die Transpiration der Bäume nimmt zu, sie schwitzen.
- Schließlich hat sich wegen der Erderhitzung die Vegetationszeit unserer Bäume bereits um 2-3 Wochen im Jahr verlängert. Das verschärft den Wassermangel weiter.
Trockenstress kann in der Zukunft vor allem bei flachwurzelnden Baumarten wie der Fichte und in niederschlagsarmen Gebieten zunehmen.
c) Mehr Schädlingsbefall und Baumkrankheiten
Das, was wir als „Schädling“ bezeichnet, gehört ganz natürlich zum Ökosystem Wald dazu. Die Klimakrise führt jedoch dazu, dass sich diese normalerweise harmlosen Insekten in Massen vermehren und rasant ausbreiten.

Das hat zwei Gründe: Zum einen können sich viele Insekten bei warmem und trockenem Wetter explosionsartig vermehren und durch verkürzte Winter mehr Generationen ausbilden. Zum anderen sind die Bäume aufgrund der Trockenheit zu geschwächt, um sich gegen deren Befall zu wehren. Auch Baumkrankheiten breiten sich an geschwächten Bäumen schneller aus.
In normalen Jahren können sich gesunde Fichten zum Beispiel gegen Borkenkäfer wehren. Wenn der Käfer sich in die Rinde bohrt, sondert die Fichte Harz ab und tötet so den Käfer. Nur wenige Exemplare schaffen es dann, sich durch die Rinde zu bohren und sich dort zu vermehren. In Dürresommern sind die Fichten so geschwächt, dass sie kein Harz produzieren können. Die Borkenkäfer bohren sich dann ungehindert ein und vermehren sich rasant. Mit Ihren Fraßgängen unter der Rinde kappen sie die Nährstoffzufuhr von der Wurzel zur Baumkrone. Die Bäume sterben unwiederbringlich ab.

Um die weitere Ausbreitung der Borkenkäfer einzudämmen und die noch gesunden Wälder zu schützen mussten in den letzten Jahren viele Fichten „notgeerntet“ und dem Wald entnommen werden.
Neben dem Borkenkäfer einige weitere Beispiele:
Prachtkäfer: Vom Prachtkäfer gibt es mehrere Arten, die sich jeweils auf eine Baumart spezialisiert haben.

In unserer Region breitet sich vor allem der Eichenprachtkäfer in den letzten Jahren aus: Die Entwicklung von der Larve zum Käfer geschieht in der halben Zeit. Genau wie beim Borkenkäfer fressen die Larven zwischen Rinde und Holz und unterbinden den Nährstofffluss im Baum – wenn der Baum es nicht schafft durch „Schleimfluss“ den Prachtkäfer abzuwehren, stirbt er ab.
Rußrindenkrankheit: Der Rußrindenpilz befällt vor allem Ahorn-Bäume und tritt verstärkt im Verlauf von und nach Dürrejahren auf.

Der Name kommt von einer schwarzen Schicht, die der Pilz an den Bäumen hinterlässt – und wie Ruß aussieht. Die Sporen des Pilzes können für Menschen gefährlich werden und Atembeschwerden bis hin zu einer Lungenentzündung auslösen.
Eschentriebsterben: Das Falsche Weiße Stengelbecherchen ist ein Pilz, der aus Ostasien stammt. Den dortigen Eschen-Arten macht dieser Pilz kaum etwas aus. Die Eschen in Europa sind dagegen allerdings nicht immun. Der Pilz führt zum Absterben der Triebe und schließlich des ganzen Baumes. Bevor sich das wertvolle Holz zersetzt oder auch zum Schutz der Waldbesuchenden vor herabfallenden Ästen, müssen viele Eschen gefällt werden.
Misteln: Sie befallen vor allem Kiefern und entziehen dem Baum Nährstoffe – also auch Wasser. In Zeiten von Trockenheit leidet der Baum unter einem Befall umso mehr. Die Folge: Triebe sterben ab und schließlich der ganze Baum.
d) Stürme richten mehr Schäden an
Durch mehr Energie in der Atmosphäre nehmen Gewitterstürme bis hin zu Tornados im Sommer voraussichtlich zu. Auch im Winter richten Stürme mehr Schäden an. Das liegt daran, dass die Böden durch weniger Frost und mehr Regen als Schnee zunehmend aufgeweicht sind.

Den Baumwurzeln fehlt somit die Verankerung. Betroffen sind auch hier vor allem flachwurzelnde Baumarten.
e) Erhöhte Waldbrandgefahr
Je trockener es ist, umso schneller kann sich ein Waldbrand entfachen.

Zur Vorbeugung gehört alles, was zum Erhalt der Boden- und Luftfeuchte dient. Das bedeutet: laubbaumdominierte Mischwälder.
Heimische Laubbäume sind auch deshalb weniger brandgefährdet, da in ihren Blättern im Unterschied zu Nadelbäumen kaum ätherische Öle enthalten sind. Diese Öle wirken wie ein Brandbeschleuniger.
f) Gute Bedingungen fürs Wild bei erschwerter Bejagung
Mildere Winter führen zu geringeren natürlichen Sterberaten vieler Wildtiere.

Die durch die Klimawandelfolgeschäden entstandenen Kahlflächen entwickeln sich in wenigen Jahren alleine aufgrund ihrer üppig sprießenden Krautflora und Ihrer Deckung zu einem optimalen Lebensraum. Dadurch erhöht sich das potentielle Risiko von Wildschäden an seltenen, klimastabileren Mischbaumarten. Diesen kommt zukünftig eine hohe Bedeutung zu. Jägerinnen und Jägern nehmen hier eine wichtige und verantwortungsvolle Rolle bei der Wildbestandsregulierung wahr.
4. Hotspots im Neustädter Wald
Im Gemeindewald Neustadt liegen die Schadensschwerpunkte in folgenden räumlichen Bereichen:
- Exklave des Gemeindewaldes bei Vettelschoss-Kalenborn in der Verbandsgemeinde Linz
- Seitental der Wied zwischen Strauscheid und Campingplatz Anxbach
- Seitental des Masbachs zwischen Neschermühle und Rahms
- Scharenberger Bachtal
- Mettelshahner Schweiz
- Altehütter Bachtal
- Pfaffenbachtal bei Prangenberg
Im Folgenden einige Luftbildeindrücke der Schadensflächen (Fotos: Jürgen Dietz):






Für den Privatwald im Raum Fernthal fehlen genaue Daten.
5. Forstliche Ansätze bei der Entwicklung klimastabilerer Wälder
Forstleute und Waldbesitzende arbeiten im Rahmen eines naturnahen Waldbaus daran die Wälder im Klimastress bestmöglich zu stabilisieren und deren Widerstandskräfte (Resilienz) zu stärken. Langfristiges Ziel ist ein standortgerechter, arten- und strukturreicher Mischwald, in dem zukünftig vermehrt hitze- und trockenheitstolerantere Baumarten wachsen.
Auf dem Weg zum Wald der Zukunft lassen sich zwei parallele forstliche Ansätze verfolgen:
a) Wiederbewaldung
Auf den entstandenen Kahlflächen kommt es auf eine zügige Wiederbewaldung an, um den freiliegenden Boden zu schützen.

Ein neuer Wald soll möglichst rasch wieder entstehen und seine vielfältigen Wirkungen für Mensch und Natur entfalten. Dies noch bevor sich eine verdämmende Konkurrenzvegetation aus Brombeere oder Adlerfarn breitmacht.
Zur Wiederbewaldung lassen sich grundsätzlich alle Bäume nutzen die sich von Natur aus ansamen. Etwa durch Vogel- oder Eichhörnchensaat oder Samenverbreitung durch den Wind.
Ergänzend zur Naturverjüngung ist es vielfach sinnvoll weitere lichtliebende und trockenheitstolerantere Mischbaumarten aktiv einzubringen. Diese werden dann ganz gezielt in die Lücken der Naturverjüngung gepflanzt. Häufig als Kleingruppe oder sog. „Klumpenpflanzung“.
Eingepackt in Wuchsschutzhüllen sind die Bäumchen dann vor Wildververbiss geschützt.
Wiederbewaldungsfläche unterhalb des Telgraphenhügel bei Manroth: Zwischen den Pflanzgruppen aus Stieleiche und Hainbuche entwickelt sich Naturverjüngung aus Ahorn, Esche und Buche. Das Konzept nennt sich „Naturwald plus“, also Naturverjüngung plus Pflanzung.

b) „Waldumbau“ durch Vorausverjüngung
Bei der Vorausverjüngung können noch intakte, aber labile Wälder aus nur einer einzigen Baumart mit klimastabileren Mischbaumarten angereichert werden. Dazu pflanzt man schattenertragende junge Bäumchen unter den „Kronenschirm“ der Altbäume. In deren Schutz wächst dann ein Zwei-Generationen-Wald heran.

Sterben die Altbäume irgendwann einmal ab oder werden geerntet, ist die neue zukunftsfähige Waldgeneration bereits vorhanden. Beispiel ist etwa die Pflanzung von Spitzahorn, Buchen, Hainbuchen oder Linden unter Nadelwälder oder das Einbringen von Weißtannen in reine Buchenwälder.

6. Aktueller Stand und Herausforderungen
Im Gemeindewald Neustadt/Wied wird bis Frühjahr 2026 ein großer Teil der bepflanzbaren Flächen wiederbewaldet sein. Bis dahin werden dann bereits 48.000 Setzlinge als standortgerechte Mischbaumarten eingebracht worden sein. Zusätzlich zur Naturverjüngung wurden inzwischen 17 verschiedene Mischbaumarten gepflanzt. Dazu zählen Berg- und Feldahorn, Baumhasel, Douglasie, Elsbeere, Esskastanie, Hainbuche, Vogelkirsche, Stiel-, Trauben und Roteiche, Robinie, Roterle, Walnuss, Weißtanne, Nordmanntanne und Winterlinde.
In Neustadt verbleiben dann noch wenige Wiederbewaldungsflächen in sehr schwer erreichbaren (Hang)lagen. Auf diesen stehen noch abgestorbene Totholzfichten die bereits zusammenbrechen und unter denen bereits ein dichter Brombeerfilz wächst. Sowohl wegen der Arbeitssicherheit, als auch des enormen Investitionsaufwandes macht es aktuell dort keinen Sinn Bäume aktiv zu pflanzen. Hier soll sich in den nächsten 20 bis 30 Jahren zunächst ein natürlicher „Vorwald“ an Pionierbaum- und -straucharten wie Birke, Weide, Aspe, Vogelbeere und Holunder einfinden. Unter diesen kann man dann später schattenertragende Mischbaumarten pflanzen.
Die mittelfristige Betriebsplanung (Forsteinrichtung) für Neustadt sieht in den nächsten 10 Jahren zudem noch rund 11 Hektar Vorausverjüngungsfläche vor.
Herausforderung:
- Die gepflanzen Bäume müssen in den ersten Jahren intensiv gepflegt, von verdämmender Konkurrenzvegetation freigehalten und vor Wildschäden geschützt werden. Eine verantwortungsvolle Bejagung des Wildes trägt viel zur Entwicklung artenreicher Wälder bei.
7. Hintergrund: Das Forstrevier Neustadt-Waldbreitbach
Der Gemeindewald Neustadt ist Teil des Forstreviers Neustadt-Waldbreitbach. Das 1.600 Hektar große Revier erstreckt sich vom Mittleren Wiedtal bis hinauf ins Asbacher Land und betreut die Kommunalwälder
- Asbach
- Breitscheid
- Buchholz
- Datzeroth
- Hausen
- Kurtscheid
- Neustadt
- Niederbreitbach
- Roßbach
- Waldbreitbach
- Windhagen
Mitarbeiter sind die Waldarbeiter Franz Schmid (Hausen) und Markus Kick (Manroth) sowie Revierförster Gregor Nassen (Waldbreitbach).
Zur Erledigung der vielfältigen Aufgaben werden zudem Forstunternehmen eingesetzt.
Das Forstrevier Neustadt-Waldbreitbach wiederum ist eines von 15 Forstrevieren im staatlichen Forstamt Dierdorf.










